Notstand in Krankenhäusern: "Team Wallraff" deckt Horror-Missstände in Kliniken auf
Köln - Pflegepersonal am Limit, überfüllte Notaufnahmen und fehlende Betten: In einer neuen "Team Wallraff"-Recherche decken Journalisten auf, wie Krankenhäuser unter dem Pflegenotstand leiden. Verdeckt erleben die Undercover-Reporterinnen in drei deutschen Kliniken Extremsituationen hautnah.

Es ist ein Thema, das nicht erst seit gestern auf den Tischen der Zuständigen liegt: Immer größer wird der Notstand in Kliniken. RTL-Angaben zufolge, fehlen derzeit in etwa 200.000 Pflegekräfte. Die Corona-Krise hat in den vergangenen zwei Jahren ihr Übriges getan: Es gibt Aussteiger oder diejenigen, die gar nicht erst anfangen wollen.
Drei als Pflegepraktikantinnen getarnte Reporterinnen tauchen in den Klinikalltag ab und decken mit Journalist Günter Wallraff (80) auf, wie man als Patient in überlasteten Krankenhäusern behandelt wird.
Im Kinderkrankenhaus in St. Augustin in Nordrhein-Westfalen wird der "Praktikantin" in der Sendung zum ersten Mal bewusst, dass manche Notfälle abgewiesen werden müssen. Ein kleiner Junge leidet seit drei Wochen an Durchfall und wird vom Kinderarzt in die Notaufnahme der Kinderklinik geschickt. Doch dort wird die ratlose Mutter jedoch abgelehnt.
Der vermeintliche Grund: Für den Jungen habe es keine Überweisung gegeben und er müsse über einen Notfallschein abgerechnet werden. Dieser würde der Klinik 18 Euro einbringen. Eine Blutuntersuchung des Jungen koste hingegen 20 Euro. Ein kleines, aber offenbar relevantes Minusgeschäft für die Klinik.
Die "Asklepios"-Klinik antwortet daraufhin, dass Patienten keine Überweisung eines Facharztes bräuchten und jederzeit "umfassend und bedarfsgerecht medizinisch und pflegerisch versorgt" würden.
Geschlossene Stationen, frühzeitige Entlassungen

Offenbar muss auch an anderer Stelle gespart werden: Zwei akute Fälle mit dem hochansteckenden RS-Virus werden nur per Schnelltest diagnostiziert, da das Labor in der Nacht nicht mehr besetzt ist.
"Asklepios" erklärt in seinem Schreiben an RTL, dass die eingesetzten Schnelltests eine zuverlässige Diagnose erlauben würden. Und weiter: "Nur zeitlich nicht dringliche Untersuchungen werden von einem externen Labor übernommen."
Im "St. Vincenz"-Krankenhaus im hessischen Limburg deckt die Undercover-Mitarbeiterin ähnliche Missstände auf. Allerdings kommt es an ihrem ersten Tag zunächst gar nicht erst zum Einsatz, denn sie steht vor verschlossener Tür. Sie erlebt, wie eine ganze Station aufgrund von Personalmangel und Krankheitsausfällen kurzzeitig geschlossen werden musste.
"Unter Umständen werden einzelne Stationen geschlossen und die Patienten auf einer Station zusammengelegt", verteidigt sich das Krankenhaus auf RTL-Anfrage. Manchmal jedoch, so verrät es eine Mitarbeiterin, können nur noch frühzeitige Patienten-Entlassungen Abhilfe verschaffen.
Das wird der Reporterin spätestens bewusst, als sie eine junge Unfallpatientin erlebt, welche die Klinik trotz schwerer Verletzungen und Übelkeit entgegen ärztlichen Rats verlassen soll. Der Klinikschein schildert wenig später anderes: Die Frau soll sich auf eigenen Wunsch entlassen haben.
Fehlende Kenntnisse führen zu Fehlern

Die Klinik bestreitet das und erklärt, dass Patienten nur entlassen würden, wenn sie leicht oder gar nicht verletzt seien und Rücksprachen mit dem Arzt über mögliche Risiken gehalten würden. Oftmals würden Patienten bei Überbelegung in andere Kliniken verlegt, so das "Sankt Vincenz"-Krankenhaus.
Um der Personalnot entgegenzuwirken, versucht die "Asklepios"-Klinik Nord-Heidberg in Hamburg, Fachkräfte aus dem Ausland anzustellen. Rund zweimal im Jahr werden hier etwa 15 Pflegekräfte aus dem Ausland aufgenommen und auf die sogenannte Anerkennungsprüfung vorbereitet.
Auf die Reporterin macht das allerdings einen anderen Eindruck: Die Aushilfen scheinen ihr Fach eher "learning by doing" auszuüben, wie sie erklärt.
So werden Zimmer von hochinfektiösen Patienten ohne Schutzkleidung betreten. Man habe lediglich das Schild nicht entfernt, so die Klinik in einer Stellungnahme. Ansteckungsgefahr habe nicht mehr bestanden. Grund für die Fehler bei den Aushilfen seien laut einer Fachkraft die Anerkennungsprüfungen, die so durchgeführt würden, dass niemand durchfallen könne. Zwar seien Deutschkenntnisse eine Voraussetzung, bestünden jedoch oftmals nur auf dem Papier.
Deutlich schlimmer: In letzter Sekunde entdeckt ein Pfleger ein falsch angemischtes Medikament, welches in hoher Konzentration die Nieren des Patienten hätte schädigen können.
Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach (60) wird mit den Schilderungen der Reporterinnen konfrontiert und erklärt gegenüber Wallraff, dass er die Missstände im deutschen Gesundheitswesen nicht kleinreden wolle. Das Gesundheitswesen müsse raus "aus der Kommerzialisierung", es bedürfe einer Reform.

Die neue "Team Wallraff"-Dokumentation zeigt "ntv" am heutigen Freitagabend um 20.15 Uhr in einer Wiederholung. Zudem ist sie im Stream bei RTL+ erhältlich.
Titelfoto: Montage: RTL