Bengalos & Schlägereien: In dieser Kino-Doku erlebt ihr Ultras hautnah
Berlin - Krasser Kontrast! Auf der einen Seite werden die Mitglieder der Ultra-Gruppierung"ultrAslan" im Stadion gezeigt, wo sie Bengalos zünden, Böller aufs Spielfeld werfen und Ordner mit Schlägen aus "ihrem" Auswärtsblock vertreiben, auf der anderen Seite kommt man ihnen auf privater Ebene extrem nah.

Der Film beginnt mit einem großen Treffen der "ultrAslan"-Ultra-Bewegung von Galatasaray Istanbul in einer Moschee.
Die vielen Mitglieder werden beim Beten gezeigt, ehe Reden gehalten werden, immerhin sind Mitglieder aus ganz Europa gekommen. Daher auch der Untertitel des Filmes: Avrupa bedeutet Europa auf Türkisch.
Regisseur Ümit Uludag (Sehnsucht nach Myanmar, Jakob) begleitet mit Ibrahim Bayram, Ilker Sezgin und Ogulcan Sariboga drei hochrangige Mitglieder der Bewegung über drei Jahre hinweg.
Für sie alle ist Galatasaray mehr als Fußball. Der Verein ist ihr Leben.
Alles wird "Cim Bom" untergeordnet, selbst Arbeit und Familie. Denn Galatasaray und "ultrAslan" sind eine Lebenseinstellung. Jeder ist stolz, wenn er aufgenommen wird.
Im Gegensatz zu vielen anderen Dokus gelingt es dem deutsch-türkischen Uludag, tief in die Ultra-Bewegung vorzudringen und mit den drei Chefs Gespräche auf Augenhöhe zu führen. Er nähert sich dem Geschehen und seinen Interviewpartnern ohne Vorurteile, sodass sich jeder Zuschauer sein eigenes Bild machen kann.

Im Mittelpunkt steht ihre eigene Geschichte: Wie hat sich ihre Leidenschaft für Gala entwickelt?
Sie geben offen und ehrlich Antwort und erzählen auch, wie wichtig ihnen Integration in Deutschland ist, ohne dabei die eigene Kultur zu verlieren. Durch diese tiefschürfenden Fragen und die klaren Antworten gewinnt der Film zusätzlich an Qualität.
Uludag gelingt es mit längeren Sequenzen, die Gruppendynamik hervorragend zu beleuchten.
Die vornehmlich deutsch-türkischen Anhänger werden beim Organisieren, Umzug und einer Hochzeit gezeigt, dazu in ihrer Fankneipe, wo sie aufgeregt das türkische Pokalfinale verfolgen.
Doch natürlich geht es auch um Dinge, für die die heißblütigen Ultras weltweit berühmt-berüchtigt sind: Beim Champions-League-Auswärtsspiel am 4. November 2014 in Dortmund, wo der BVB am Ende 4:1 gewann, sorgten die türkischen Auswärtsfans mit Böllerwürfen, Bengalos und Ausschreitungen auf der Tribüne für Spielunterbrechungen. Angeblich wurden sie von einer PKK-Fahne provoziert und hätten dementsprechend reagiert.
Denn auch das sagen die Anführer ganz klar: Sie selbst wollen nicht gewalttätig werden, aber sobald sie jemand angreift, reagieren sie dementsprechend.

Auch deshalb, weil man auf der einen Seite ganz normale Menschen sieht, ein Anwalt, ein Obsthändler und auf der anderen Seite das gänzlich andere Bild im Stadion, reißt der Film mit.
Zumal es Uludag bestens gelingt, diese unterschiedlichen Aspekte seiner Protagonisten aufzuzeigen, ist "ultrAslan - Avrupa" ein sehenswerter Dokumentarfilm über eine der größten Ultra-Gruppierungen der Welt geworden.
Die Highlights sind dabei die stimmungsvollen Fangesänge. Durch deren Lautstärke und Leidenschaft fühlt man sich im Kino im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin, statt nur dabei. So hat man das Gefühl, selber in der Kurve mit den Gala-Fans zu stehen und ihre große Leidenschaft hautnah mitzuerleben - Gänsehaut pur!
Es gibt Lieder wie "mit Selcuk Inan, Sneijder, dann mit Burak Yilmaz und Altintop auf rechts, möge Didier Drogba euch ficken! Lay, lay, lay, lay, lay..." aber auch "Wenn du es verlangst, tragen wir deine Fahne überall hin, lassen deine Lieder überall erschallen und kämpfen überall mit Ketten und mit Stöcken."
Doch auch die ruhigen, nachdenklichen Interviewszenen halten den Zuschauer bei der Stange, weil hier - teilweise zwischen den Zeilen - viele Dinge erklärt werden. Deshalb ist "ultrAslan" definitiv einen Kinobesuch wert.

Titelfoto: PR/Kinostar Filmverleih GmbH