Umweltzerstörung und ein Geist: So entstand die Rublak-Legende in der Lausitz
Sachsen - Sachsens Geschichte ist sagenhaft vielfältig, Sachsens Sagenwelt nicht minder. Landauf, landab wimmelt es von Berggeistern, Weißen Frauen und manch untotem Fürsten. Viele der Erzählungen sind Hunderte Jahre alt. Andere wiederum wurden erst zu Zeiten der Gebrüder Grimm geschrieben oder, wie das folgende Beispiel, haben noch keine 40 Jahre auf dem Buckel! Nämlich "Rublak".
Die jüngste sächsische Sage ist erst 40 Jahre alt und entstammt einem DDR-Film, der seither die Gemüter bewegt. Auch, weil er der einzige seiner Art ist: "Rublak. Die Legende vom vermessenen Land" von 1982.
Gedreht hat ihn Konrad Herrmann (73). Der gebürtige Bautzener studierte an der Filmhochschule in Babelsberg und lebt heute in Berlin-Weißensee.
"Rublak ist ein Schutzgeist und Konfliktlöser. Seine Gene kommen aus der sorbischen Sagenwelt", so Herrmann im TAG24-Interview. Erfunden hat er ihn gemeinsam mit Defa-Dramaturgin Angelika Mieth und dem Cottbusser Autor Jurij Koch (86).
Grundlage war Kochs Erzählung "Landvermesser". Darin wie im Film geht es um den Braunkohletagebau in der Lausitz. Ein Thema - man ahnt es - das für die Filmemacher heikel werden sollte. Dazu später mehr.
"Struga. Bilder einer Landschaft" war der Vorreiter für "Rublak"
Herrmann will noch die Vorgeschichte des Films erzählen. "Ohne den ist 'Rublak' nicht denkbar", so Herrmann. Es geht um seinen Diplomfilm, den er 1972 drehte: "Struga. Bilder einer Landschaft."
Das Auftragswerk der Sorbenvertretung Domowina thematisiert erstmals die Zerstörung der Landschaft durch den Tagebau. Basis für diesen Film ist ein Gedicht des sorbischen Dichters Kito Lorenc (1938-2017).
"Der Film bildete zudem den Urknall für die Wahrnehmung der heutigen sorbischen Existenz, die mal nicht nur als Folklore gezeigt wurde. Er reiste nach seiner Fertigstellung durch die Welt, allerdings ohne uns Filmleute ..."
Herrmanns nächster Film wurde erst gar nicht genehmigt. Auch er widmete sich einem sorbischen Thema. Doch "Rublak" bekam das Go und Geld.
"Wir drehten 1981 in einem Gehöft in Kynast bei Schleife", erinnert er sich. Wie der echte Ort soll auch der fiktive Filmhof abgebaggert werden. Es kommt zum Familienstreit zwischen den Generationen. Weggehen oder bleiben?
"Rublak" ist der "Schutzgeist" der Lausitz
Dazwischen wandelt Geist Rublak. Er ist mit Christian Grashof (79) ebenso hochkarätig besetzt wie die anderen Rollen: Kurt Böwe (1929-2000), Doris Thalmer (1907-1998), Johanna Schall (64).
Die sphärische Musik steuerte Paul-und-Paula-Komponist Peter Gotthardt (81) bei.
"Rublak ist im Film das Verbindungsglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Er fungiert als Schutzgeist, er ist verbunden mit den Menschen der Region. Wenn er am Ende den Gehenden seine Geige in die Hand drückt, dann reicht er ihnen das Erbe der Lausitz weiter. Mit dieser Metaphorik steht der Film ziemlich allein in der jüngeren deutschen Filmgeschichte", schätzt der Regisseur selbst ein.
Zumindest damals hat ihm das nicht geholfen. Die DDR-Zensur schlug zu. Herrmann und sein Kameramann Lutz Körner mussten vor allem jene Teile entfernen, in denen Rublak durch leere Dörfer geht, bevor Bagger Tatsachen schaffen.
Inzwischen ist der Film aber wieder vollständig. Körner hatte die fehlenden Filmbilder in seinem Keller versteckt. Rublak, die jüngste sächsische Sagengestalt, lebt.
Titelfoto: Christian Kielmann