Ein Pilot opferte sich, um eine Tragödie zu verhindern: Der Flugzeugabsturz von Seiffen

Seiffen/Erzgeb. - Es war der 5. April 1955, als das Erzgebirge Schauplatz eines tragischen Flugzeugabsturzes wurde. Eine MiG-15 der tschechoslowakischen Luftstreitkräfte befand sich auf dem Rückflug zur Heimatbasis Žatec, als plötzlich die Kraftstoffpumpe ausfiel. Der Jet von Leutnant Josef Štercl verlor den Antrieb. Im Sinkflug löste der 22-jährige Pilot jedoch nicht den Schleudersitz aus, sondern steuerte bewusst in unbewohntes Gebiet ...

Nachgestellt mit einem Modellfahrzeug der MiG-15 (Maßstab 1:48): Aus dieser Richtung kam das Flugzeug, setzte am Waldrand auf und nahm auf dem Weg noch Bäume, Telegrafen und Stromleitungsmasten mit.
Nachgestellt mit einem Modellfahrzeug der MiG-15 (Maßstab 1:48): Aus dieser Richtung kam das Flugzeug, setzte am Waldrand auf und nahm auf dem Weg noch Bäume, Telegrafen und Stromleitungsmasten mit.  © Uwe Meinhold

"Er ist wahrscheinlich sehr bewusst sitzen geblieben und hat damit schlimmere Folgen für Seiffen verhindert", glaubt Joachim Horschig (70), früher Flugzeug-Ingenieur, der sich intensiv mit dem Vorfall beschäftigt hat.

Zusammen mit seinem Freund Roland Sperling (74) forscht er zu den Ereignissen. Kennengelernt haben sich die beiden im Flugsportverein Schwartenberg, heute sind sie Mitglieder des Fliegerstammtischs Cämmerswalde. Erst seit ein paar Jahren würde öffentlich gemacht, dass hier einmal ein Flugzeug abstürzte - ein Ereignis, das sieben Jahrzehnte nahezu in Vergessenheit geraten war.

Der Absturz geschah gegen 11.20 Uhr. Augenzeuge Günter Dietze, damals 17 Jahre alt, war in der Nähe: "Das war nicht wie sonst. Die Geräusche klangen anders, irgendwie zu nah." Im Protokoll der Untersuchungskommission hieß es: "An der überhöht liegenden Straßenböschung - Bahnhofstraße, Kilometerstein 1,9 Seiffen-Dittersbach - schlug es auf und kam dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf freiem Feld zum Liegen."

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Dabei überschlug sich das Flugzeug und zerbrach endgültig in zwei Teile.

Joachim Horschig (70), Günter Dietze (86) und Roland Sperling (74, v.l.) stehen am Ort des Unglücks.
Joachim Horschig (70), Günter Dietze (86) und Roland Sperling (74, v.l.) stehen am Ort des Unglücks.  © Uwe Meinhold
Die Mikojan-Gurewitsch (MiG-15) war das Flugzeug, in dem der Leutnant eigentlich nur auf einem Übungsflug war.
Die Mikojan-Gurewitsch (MiG-15) war das Flugzeug, in dem der Leutnant eigentlich nur auf einem Übungsflug war.  © Repro: Uwe Meinhold

Die Identität des Piloten blieb lange Zeit ein Geheimnis.

Leutnant Štercl lag durch den Aufprall und Überschlag unter dem Rumpf des Flugzeuges.
Leutnant Štercl lag durch den Aufprall und Überschlag unter dem Rumpf des Flugzeuges.  © Repro: Uwe Meinhold

Dietze erinnert sich: "Der Fallschirm war weiß, die Stiefel braun mit Schnallen. Das war nervlich niederschmetternd für mich als 17-Jährigen. Das arme Schwein - er lag noch drin."

Auch im offiziellen Protokoll der Untersuchungskommission findet sich ein nüchterner, aber eindrucksvoller Satz: "Der Pilot lag rücklings unter dem Rumpf des Flugzeuges." Einsatzkräfte trafen schnell ein, doch es gab kein Feuer. "Das Triebwerk war wahrscheinlich schon relativ kalt", erklärt Sperling.

Die Identität des Piloten blieb lange Zeit ein Geheimnis. Erst durch Nachforschungen wurde bekannt: Josef Štercl war ledig, sein Flugzeug trug die Kennung NF-34 und gehörte zum 15. Jagdfliegerregiment. Um mögliche Angehörige zu finden, wurde in Tschechien ein öffentlicher Aufruf gestartet - bislang ohne Erfolg.

Einen Tag nach dem Unglück waren bereits alle Flugzeugteile beseitigt worden.
Einen Tag nach dem Unglück waren bereits alle Flugzeugteile beseitigt worden.  © Pavel Krejčí//Repro: Uwe Meinhold
Pilot Josef Štercl wurde am 20. Juli 1932 geboren, er wurde nur 22 Jahre alt.
Pilot Josef Štercl wurde am 20. Juli 1932 geboren, er wurde nur 22 Jahre alt.  © Luftfahrtmuseum "KOREA-MERKUR" Žatec//Repro: Uwe Meinhold

Zum 70. Jahrestag des Absturzes wird am Samstag, dem 5. April um 14 Uhr an der Seiffener Bahnhofstraße zum Gedenken geladen.

Zunächst nur mit einer provisorischen Tafel, nach Ostern soll eine dauerhafte Metalltafel folgen - als Zeichen der Erinnerung an den jungen Piloten, der sein Leben gab, um eine Tragödie zu verhindern.

Titelfoto: Fotomontage: Uwe Meinhold//Luftfahrtmuseum "KOREA-MERKUR" Žatec//Repro: Uwe Meinhold

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