Milena konnte krebskrank nicht zur Schule - und war doch dabei: Ein Avatar als Klassenkamerad
Leipzig - Obwohl sie schwer krebskrank war, versäumte sie trotzdem keinen Unterricht: Milena Barth (16) aus Leipzig konnte fast ein halbes Jahr lang nicht zur Schule gehen. Dafür schickte sie einen Avatar zur Schule - einen künstlichen Stellvertreter aus viel Technik in einem Mantel aus Plastik. Dank seiner Hilfe bestand sie die Abschlussprüfungen. Jetzt sammelt sie Spenden, damit auch andere Kinder bei krankheitsbedingt langen Schulausfällen nicht auf Unterricht und ihre vertrauten Schulfreunde verzichten müssen.

Die Diagnose war niederschmetternd: Ausgerechnet am Nikolaustag 2023 erfuhr Milena, dass sie am Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt ist.
Nach der Biopsie eines geschwollenen Lymphknotens am Hals wurde die bösartige Erkrankung des Lymphatischen Systems festgestellt. Milena musste sich einer Chemotherapie unterziehen. "Es war ein Schock. Dabei war ein Bluttest nur zwei Wochen vorher ohne Auffälligkeiten", sagt ihr Stiefvater Steven Richter (53).
"2000 Patienten im Kindes- und Jugendalter erkranken jedes Jahr an Krebs - knapp ein Drittel davon an Leukämien, gefolgt von Hirntumoren und Lymphomen, wie bei Milena", sagt Markus Wulftange (57) vom Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig e.V. Bei Lymphomen läuft die Intensivbehandlung meist zwischen vier und sechs Monaten.
Während dieser Zeit und noch weiteren zwei Monaten der Regeneration können die Kinder nicht in die Schule gehen. Weil ihre Abwehrkräfte durch die Chemo geschwächt sind, müssen sie eine Maske tragen.

Avatare sitzen für Kinder im Unterricht

Genau in dieser schweren Zeit sitzen Schul-Avatare für die Kinder im Unterricht. Insgesamt sechs Roboterköpfe gibt es derzeit für die Kinderonkologie an der Leipziger Klinikschule.
"Unsere Avatare waren auch schon in Döbeln, Eilenburg, Torgau, bei Plauen und Crottendorf im Einsatz", sagt Ulrike Herbarth (48), Lehrerin an der Klinikschule.
Auch Milena fehlte in der 10. Klasse ihrer Oberschule Krostitz - und das ausgerechnet in den Monaten vor den wichtigen Abschlussprüfungen. Doch seit Februar drückte ein Schul-Avatar für sie die Schulbank. Er saß genau auf ihrem Platz im Klassenraum.
"Mit ihm konnte ich den Unterricht aus der Klinik und von zu Hause verfolgen, fast so, als wäre ich in meiner Klasse dabei gewesen", erzählt die 16-Jährige. "Meine Schulfreundin hat den Avatar in den Pausen von einem Klassenzimmer ins nächste getragen und achtete darauf, dass die Akkus immer geladen waren."
Und in Mathe konnte sie Nachfragen an die Lehrerin stellen.

Milena: "Das Schlimmste war, als ich meine Haare verlor"

Milena gab die Hoffnung nie auf, wieder gesund zu werden.
"Das Schlimmste war, als ich meine Haare verlor und eine Perücke tragen musste", erzählt sie. Denn Haarausfall ist eine Nebenwirkung der aggressiven Therapie.
Am Dienstag hat Milena ihre Englischprüfung bestanden. Am Donnerstag erhielt sie ihren sechsten und letzten Chemo-Block. Der Krebs gilt jetzt offiziell als besiegt. "Nächstes Jahr will ich mir einen Wunsch erfüllen und auf Reise gehen. Ich möchte gern Santorin sehen."
Ihr Stiefvater bucht jetzt eine Mittelmeer-Kreuzfahrt, damit aus dem Wunsch Wirklichkeit wird.
Milena ist sich ganz sicher: "Ohne meinen Avatar hätte ich die Abschlussprüfungen nicht geschafft und müsste die zehnte Klasse noch einmal wiederholen." Nach den Ferien will sie ihr Abitur nachholen, "dann aber ohne Avatar."

So funktioniert die tolle Technik

Manche sagen, er sehe ein bisschen aus wie die Figur des Groot aus den Marvel Comics. Intelligent wie Groot ist der Schul-Avatar jedenfalls wirklich.
Der etwa 26 Zentimeter hohe, weiße Lernroboter sitzt anstelle der kranken Kinder auf ihrem Platz im Unterricht. Mithilfe einer Kamera und einem Mikrofon im Roboterkopf können sie kilometerweit entfernt zu Hause den Unterricht trotzdem am Laptop oder Tablet verfolgen.
"Der Avatar kann aus dem Krankenbett ferngesteuert werden und mit einem Wisch über das Display sogar den Kopf in alle Richtungen drehen oder auf verschiedenste Art mit den Augen blinken", erklärt Schulpädagogin Ulrike Herbarth (48), seit 2012 Lehrerin an der Klinikschule Leipzig. "Dabei kann der Avatar entweder fröhlich, nachdenklich, traurig oder ganz normal schauen. Mitschüler und Lehrer bekommen so ein Feedback vom Kind in der Ferne".
Die kranken Kinder können sich über ihren Avatar auch im Unterricht melden, um über einen eingebauten Lautsprecher auf Fragen des Lehrers zu antworten. Der Kopf blinkt dann grün.
Sind sie wegen der kräftezehrenden Therapien manchmal erschöpft, können sie den Avatar auch in den "Nur-Zuhören-Modus" schalten. Das signalisiert der Kopf dann für alle sichtbar im Klassenzimmer, indem er blau leuchtet. Herbarth: "Sogar leises Flüstern mit dem Banknachbarn ist möglich." Genauso wie in einer ganz normalen Unterrichtsstunde.

So könnt Ihr helfen

"Anschaffung und Betrieb eines Schul-Avatars ist in keiner Fallpauschale von Krankenkassen vorgesehen. Deshalb müssen wir die Geräte selbst finanzieren", sagt Markus Wulftange (57), Sporttherapeut und Mitglied der Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig e.V.
Bei einem Stückpreis von 4000 Euro und jährlichen Betriebskosten von 900 Euro ist das nicht leicht.
"Deshalb haben meine Stieftochter und ich eine Spendenaktion gestartet, die dem Avatar-Projekt der Elternhilfe zugutekommen soll", sagt Steven Richter (53).
"Bislang sind Einzelspenden zwischen 10 und 500 Euro eingegangen."
Wer auch bei der Crowdfunding-Aktion spenden möchte: gofund.me/2a47b1bc
Titelfoto: Montage: picture alliance/dpa; Ralf Seegers