Trauerverein für Waisenkinder von Stadt im Stich gelassen: "Sie wissen nicht, wohin mit uns"

Leipzig - Seit mittlerweile acht Jahren kümmert sich der Leipziger Verein Wolfsträne inzwischen um Kinder, die Mama, Papa oder Geschwister verloren haben - kostenfrei. Staatliche oder auch kommunale Unterstützung erhält er dafür nicht, ist auf Spenden angewiesen. Bei den Helfern sorgt dies immer wieder für Frust und Fragezeichen.

Julia Enoch ist die stellvertretende Vorsitzende des Leipziger Vereins Wolfsträne. Mehr als drei Jahre ringt sie inzwischen mit der Stadt um finanzielle Unterstützung.  © Christian Grube

Mehr als drei Jahre verhandelt Julia Enoch inzwischen mit der Leipziger Stadtverwaltung, "ohne dass auch nur eine positive Tendenz zu erkennen ist", wie sie Ende Januar auf Facebook schrieb. Die stellvertretende Vorsitzende und studierte Betriebswirtschaftlerin ist bei Wolfsträne für die Finanzen zuständig.

2017 gründete sich der Verein "auf der Wohnzimmercouch mit einer Handvoll Leuten", wie es Enoch beschreibt. Vereinschefin Katrin Gärtner hatte als Kind selbst ihre Mutter an Krebs verloren, benötigte als Erwachsene psychologische Behandlung, weil der Verlust nicht aufgearbeitet worden war.

Als sie später ein trauerndes Kind kennenlernte, wollte sie es vermitteln - doch es gab keine geeigneten Anlaufstellen. "Das wollte sie so nicht stehenlassen und hat dann Wolfsträne gegründet", erklärt Enoch gegenüber TAG24.

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Rund 250 Kinder befinden sich heute im Verein in der aktiven Begleitung. Acht Festangestellte sowie 40 Ehrenamtliche kümmern sich um sie. "Dass der Bedarf so groß ist, hätten wir uns nie erträumen lassen."

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Was Wolfsträne anbietet - und was dies jährlich kostet

Der Verein kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die Mama, Papa oder Geschwister verloren haben - kostenfrei und zeitlich unbegrenzt. Die Kinder erhalten Einzeltreffen. Später ist das Ziel, sie in Gruppen mit Gleichaltrigen zu integrieren.  © Christian Grube

Die Begleitung beginnt bereits im Sterbeprozess. Mindestens bis zur Beerdigung bietet Wolfsträne Einzeltreffen an. Anschließend ist das Ziel, die Kinder in einer Gruppe mit Gleichaltrigen zu integrieren, die das gleiche Schicksal durchleben müssen.

Nicht immer ist der Tod jedoch vorhersehbar. "Es ist mittlerweile so, dass die Polizei, das Kriseninterventionsteam, Kliniken, Hospize, Schulen, Kindergärten - alle von uns wissen und uns zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen können."

Dieses Angebot könne nur mit festangestellten Mitarbeitern garantiert werden, die beinahe rund um die Uhr bereitstehen. 450.000 Euro Jahresbudget benötigt Wolfsträne heute, um sein Angebot zu ermöglichen. Das Geld kommt von Spenden. Staatliche oder kommunale Unterstützung gibt es nicht, auch keine Förderung durch Krankenkassen. "Trauerarbeit ist als eine Art Prävention für psychische Erkrankungen zu sehen, doch das ist bei den Kassen noch nicht als solche anerkannt", erklärt Enoch.

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Die stellvertretende Vereinschefin hat über die Jahre bereits mehrere Anträge auf Förderung bei der Stadt gestellt, meist schlugen die Versuche jedoch fehl.

Das Problem: Keiner der vorhandenen Fördertöpfe passt zu dem Gebiet, das Wolfsträne mit seinem Angebot abdeckt. "Die Stadt weiß zum einen nicht, wohin mit uns. Zum anderen kann der Förderbedarf für soziale Einrichtungen schon jetzt nicht gedeckt werden, wie die Diskussionen um den Doppelhaushalt 2025/26 zeigen."

Deshalb ist es laut Stadt so schwer, einen Fördertopf für Wolfsträne zu finden

450.000 Euro benötigt Wolfsträne jährlich, um sein Angebot aufrechtzuerhalten. Das Geld kommt von Spenden. Staatliche oder kommunale Unterstützung gibt es nicht, auch keine Förderung durch Krankenkassen.  © Christian Grube

Leipzigs Stadtverwaltung bestätigte gegenüber TAG24 das Problem, dass die Angebote von Wolfsträne nur in begrenztem Umfang unter die Rahmenrichtlinie zum Erhalt von Fördermitteln fallen würden.

Ein besonderer Aspekt sei dabei das sogenannte Fachkräftegebot in der Jugendhilfe, nach dem geförderte Maßnahmen von qualifizierten Fachkräften durchgeführt werden müssten. "Da der Verein auf eine Mischung aus haupt- und ehrenamtlicher Arbeit setzt und bislang keine systematische Anpassung an diese Anforderungen vorgenommen hat, ist eine Förderung in diesem Bereich nicht möglich."

Wolfsträne setze bewusst nicht auf Psychologen, sagt Julia Enoch. "Trauer ist nicht gleich Trauer. Genau dem versuchen wir doch vorzubeugen, dass die Kinder eben nicht in eine Psychiatrie müssen – wo die Wartezeiten im Übrigen auch für Kinder häufig bei knapp einem Jahr liegen."

Der Verein wolle sein Angebot auch in Zukunft kostenfrei zur Verfügung stellen. "Viele wohlsituierte Familien und deren Umfeld spenden inzwischen, weil sie erkannt haben, wie wichtig unsere Arbeit ist. Aber was ist denn mit den Kindern, die nicht so viel Glück haben? Auch ihnen muss doch geholfen werden."

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Der Unmut bei den Beteiligten bleibt

Julia Enoch will weiter um Hilfe kämpfen. "Wir fordern keine Komplettfinanzierung. Aber dauerhaft eine Personalstelle und vielleicht noch einen Sachkostenzuschuss von 20.000 Euro pro Jahr sollte sich die Stadt das einfach kosten lassen."  © Christian Grube

Auf die Frage, warum die Stadt Wolfsträne nicht hilft, obwohl auch städtische Einrichtungen das Angebot in Anspruch nehmen, lautete die Antwort: "Weder das Amt für Jugend und Familie noch das Klinikum St. Georg nehmen die Angebote von Wolfsträne direkt in Anspruch, sondern verweisen Betroffene ebenso an diesen Verein wie an andere Anbieter von Trauerbegleitung." Leipzig unterstütze Betroffene auf vielfältige Weise, hieß es.

"Das sind an den Haaren herbeigezogene Ausreden", so Julia Enoch darauf. "Es wenden sich Familien an uns, die vom Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) die Auflage erhalten, sich um eine Trauerbegleitung durch Wolfsträne zu kümmern." Der ASD ist an das Amt für Jugend und Familie angegliedert. "Andere Anbieter für Trauerbegleitung mit dem alleinigen Fokus auf Kinder und Jugendliche gibt es schlichtweg nicht in Leipzig - und auch weit darüber hinaus nicht."

Julia Enoch will weiterhin um Hilfe kämpfen. "Wir haben hier über acht Jahre etwas auf die Beine gestellt. Das schließt eine extreme Lücke im Gesundheitssektor und im sozialen Sektor. Da sagen wir, es ist doch nur normal, wenn wir einen Zuschuss erhalten. Wir fordern keine Komplettfinanzierung. Aber dauerhaft eine Personalstelle und vielleicht noch einen Sachkostenzuschuss von 20.000 Euro pro Jahr sollte sich die Stadt das einfach kosten lassen als Investition in ihre jüngsten Bürger."

Vonseiten der Stadt erhielt TAG24 die Empfehlung, Wolfsträne solle fristgerecht einen Antrag auf Förderung für 2026 einreichen. Damit stehe man Julia Enoch zufolge an demselben Ausgangspunkt wie vor über drei Jahren. Der Unmut bei den Beteiligten bleibt.

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