Mafia-Experte nach Razzia: "Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert"

Von David Nau

Stuttgart - In Baden-Württemberg wird ein Polizeibeamter wegen möglicher Verbindungen zur Mafia festgenommen. Für den Mafia-Experten Sandro Mattioli ist das keine große Überraschung: "Es entspricht dem Wesen der ’Ndrangheta, Kontaktnetzwerke aufzubauen", sagte der Journalist und Buchautor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Mafia-Experte Sandro Mattioli ist sich sicher: "Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert."
Mafia-Experte Sandro Mattioli ist sich sicher: "Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert."  © Sven Käuler/dpa

Ziel der Mafiosi sei es, die Ermittlungen gegen sie zu erschweren, erklärt Mattioli. "Wenn sie Teil eines Netzwerkes sind, wird es schwieriger, sie zu verfolgen."

Insbesondere dann, wenn es sich um freundschaftliche Netzwerke handle. "Mafiosi sind Kriminelle, und die wollen natürlich in Ruhe gelassen werden. Da hilft es zu wissen: Ist gerade etwas gegen mich im Busch?", so der Journalist, der sich seit vielen Jahren mit der Mafia auch in Baden-Württemberg beschäftigt.

Er gehe nicht davon aus, dass die ’Ndrangheta gezielt überlege, wen sie anspreche. "Das sind eher Verbindungen, die organisch gewachsen sind. Man schaut, wo ist jemand empfänglich für eine freundschaftliche Ansprache." So scheint es auch im konkreten Fall in Baden-Württemberg gewesen zu sein.

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Aalens Polizeipräsident Reiner Möller sagt: "Da gibt es langjährige Beziehungen zwischen dem beteiligten Polizeibeamten und den Mitgliedern aus dieser Organisation." Dem 46 Jahre alten Polizeihauptmeister wird Geheimnisverrat vorgeworfen. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

"Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert"

Polizisten stellten bei der Razzia am 1. April Geld und Dokumente sicher.
Polizisten stellten bei der Razzia am 1. April Geld und Dokumente sicher.  © -/Polizia di Stato/dpa

Dass Beamte wegen Verbindungen zur organisierten Kriminalität ins Visier ihrer Kollegen geraten, ist selten. In Bonn geriet im August 2024 ein 25-jähriger Polizeikommissar unter Verdacht, Verbindungen zur niederländischen Mocro-Mafia zu haben.

Im Januar erhob die Staatsanwaltschaft Osnabrück Anklage gegen einen mutmaßlich korrupten Staatsanwalt aus Hannover, der von einer internationalen Kokain-Bande bestochen worden sein soll.

"Wir unterschätzen aus meiner Sicht in Deutschland die Mafia dramatisch", so Experte Mattioli. Aus seiner Sicht braucht es mehr Strukturermittlungen sowie Gesetze, die es erleichtern, die Mitgliedschaft in der Mafia zu kriminalisieren. Zudem brauche es mehr Einsatz der Zivilgesellschaft.

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"Mafiosi sind in der deutschen Gesellschaft verankert", sagte Mattioli. Sie arbeiteten mit deutschen Unternehmen und bewirteten etwa in der Gastronomie deutsche Gäste.

"Wenn aber die Pasta acht Euro kostet und ich noch einen Espresso aufs Haus bekomme, kann ich davon ausgehen, dass das Lokal nicht nur auf Profit ausgelegt ist", so der Experte.

Titelfoto: Bildmontage: Sven Käuler/dpa, -/Polizia di Stato/dpa

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