Flohschanze feiert Jubiläum: Das macht den Kult-Flohmarkt einzigartig

Hamburg - Seit einem Vierteljahrhundert lädt die Flohschanze jeden Samstag im Dreieck zwischen St. Pauli, Karoviertel und Schanzenviertel zum Stöbern, Schnacken und Feilschen ein. Was im Jahr 2000 als Anwohnerflohmarkt begann, ist über die Jahre zu einer echten Hamburger Institution geworden. Am 5. April wird das Jubiläum mit einem "besonderen Markt" gefeiert, so Gründer Roland Resag im TAG24-Interview.

Auf der linken und rechte Seite der alten Rinderschlachthalle bieten Glasdächer Schutz bei Regen.
Auf der linken und rechte Seite der alten Rinderschlachthalle bieten Glasdächer Schutz bei Regen.  © Tag24/Madita Eggers

Eigentlich gibt es die Flohschanze schon seit 27 Jahren. Damals fand der Flohmarkt in der Lagerstraße auf einem ehemaligen Autoreisezug- und Zirkusabladeplatz unterm Fernsehturm statt. "Doch irgendwann mussten wir da weg, weil die Messehallen erweitert wurden", erinnerte sich der heute 69-Jährige.

Auf Anfrage der Stadtentwicklungsgesellschaft Steg, einen Weihnachtsmarkt rund um die Alte Rinderschlachthalle am Neuen Kamp zu veranstalten, kam ihm die Idee, die Fläche auch als "tolles Ausweichquartier" für die Flohschanze zu nutzen.

"Im Gegensatz zur Lagerstraße gab es hier die Möglichkeit, unter Dach regensicher zu stehen, und das ist in Hamburg ja nicht ganz unwichtig." Zumal die Flohschanze bei jeder Wetterlage stattfindet.

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2000 erfolgte der Umzug, seitdem findet der Flohmarkt bis auf eine zweijährige Ausweichphase auf dem Uni-Campus auf dem historischen Gelände nahe der U-Bahn-Station Feldstraße statt - abgesehen von den Corona-Jahren. "Das war eine harte Zeit", so Resag, der trotz des Verbots versuchte, seine Mitarbeitenden und Händler zu unterstützen.

"Wir sind hier wie eine Familie. Wir nehmen aufeinander Rücksicht, helfen uns und wenn's Probleme untereinander gibt, klären wir das durch Kommunikation", so der 69-Jährige, der sich auch in einer Schiedsrichterfunktion sieht, damit alles fair zugeht.

Flohschanzen-Gründer Roland Resag (69) blättert in über 25 Jahren Erinnerungen. Seit 1996 organisiert er Flohmärkte in und um Hamburg.
Flohschanzen-Gründer Roland Resag (69) blättert in über 25 Jahren Erinnerungen. Seit 1996 organisiert er Flohmärkte in und um Hamburg.  © Tag24/Madita Eggers

Der Nachwuchs fehlt: Der "Flohschanze" sterben die Händler weg

Eveline Aust und Horst Weigelt verkaufen seit 2001 auf der Flohschanze und gehören damit mit zu den Urgesteinen des Flohmarktes: "Das Schöne hier ist, dass es tatsächlich keine Neuware gibt und es wirklich ein Flohmarkt ist."
Eveline Aust und Horst Weigelt verkaufen seit 2001 auf der Flohschanze und gehören damit mit zu den Urgesteinen des Flohmarktes: "Das Schöne hier ist, dass es tatsächlich keine Neuware gibt und es wirklich ein Flohmarkt ist."  © Tag24/Madita Eggers

Gerade die Kommunikation sei es, die Flohmärkte wie die Flohschanze in Resags Augen unersetzbar und einzigartig machen. "Es sind Begegnungsstätten", so der studierte Soziologe, der kein Fan von Online-Verkaufsplattformen ist.

"In der digitalen Welt gibt es ein Übermaß an virtueller Kommunikation, was den direkten Kontakt zwischen Menschen erschwert. Die wenigen Gelegenheiten bestehen hauptsächlich noch im Verkauf, und auch die werden durch die neuen Bezahlmethoden zunehmend reduziert."

Nicht so auf der Flohschanze, hier werden nur Gebrauchtwaren angeboten und noch mit Bargeld bezahlt.

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Für viele Leute seien solche Märkte auch eine Chance, sich Sachen zu kaufen, die sie sich sonst nicht leisten können, weiß Ausstellerin Eveline Aust.

Gleiches gelte auch für die Händler, wie Resag betont: "Die Märkte werden vor allem von den Ausstellern geprägt, von ihrer Ware, ihrem Habitus und ihren Ideen. In vielen Fällen sind es auch soziale Hintergründe, wie die Notwendigkeit, in einer von Bürgergeld geprägten Welt noch etwas zu verdienen."

Leider sei eine der größten Herausforderung neben stetig steigenden Kosten und nicht genug Unterstützung durch die Politik das Wegsterben der Händler. Der Nachwuchs fehle. "Die Leute haben bei der heutigen Work-Life-Balance keine Lust mehr auf den Aufwand." Ein Tag auf dem Markt, dauere mit Auf- und Abbauen, Fahr- und Verladezeiten von morgens halb sieben bis sieben Uhr abends.

Dennoch ist Resag zuversichtlich, dass es die Flohschanze auch noch zum 50. Jubiläum geben wird – vielleicht dann nur in einer angepassten drei Stunden Version: "Ich würde es mir zumindest wünschen, auch wenn ich es nicht mehr erleben werde!"

Vor allem bei gutem Wetter zieht die Flohschanze einen bunten Mix aus Stammgästen und Touristen an.
Vor allem bei gutem Wetter zieht die Flohschanze einen bunten Mix aus Stammgästen und Touristen an.  © marktkultur hamburg

Händler Marco über die Flohschanze: "Hier findest du einfach alles"

Tanja und Marco sind seit 17 Jahren auf der "Flohschanze" mit dabei.
Tanja und Marco sind seit 17 Jahren auf der "Flohschanze" mit dabei.  © Tag24/Madita Eggers

Ohne die Flohschanze würde Händler Marco etwas fehlen: "Ich bin mittlerweile süchtig", gesteht er gegenüber TAG24. Dabei hatten er und seine Frau Tanja ursprünglich nur aufgrund einer Nachlassauflösung mitgemacht – und seitdem sind sie fast jeden Samstag vertreten.

Besonders schätzt Marco die Leidenschaft aller Beteiligten, die familiäre Atmosphäre und den Nachhaltigkeitsaspekt, der gerade bei der jüngeren Kundschaft ein Boom erlebe.

"Hier findest du einfach alles. Bevor du in ein Geschäft rennst, um neues Besteck zu kaufen, wirst du an fast jedem Stand ein oder zwei tolle Unikate entdecken." Am meisten begeistert ihn jedoch, wie sehr man mit einem kleinen Fund den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.

Gründer Roland Resag selbst hat seine Begeisterung für Trödel während seines Studiums quasi gezwungenermaßen entdeckt.

"Ich habe mein Studium im wahrsten Sinne des Wortes vertrödelt." Um seine Studienzeit zu finanzieren, nutzte er unter anderem Sperrmüllaktionen als Warenquelle und verkaufte dann jahrelang selbst auf Flohmärkten. Auch heute stellt Resag sich manchmal nochmal mit einem eigenen Stand auf die Flohschanze: "Ich muss ja wissen, wie der Markt sich entwickelt."

Am 5. April planen er und seine Mitarbeitenden unter anderem eine "WunderBar", Jubiläums-Merch – "das werden mal Antiquitäten" – und viele weitere Aktionen für die Besuchenden.

Die Flohschanze (Neuer Kamp 30) ist jeden Samstag von 8 bis 16 Uhr. Weitere Informationen unter marktkultur-hamburg.de.

Titelfoto: Tag24/Madita Eggers

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