Irgendein mickriges Interesse: "Bauern, Bonzen und Bomben" im Schauspielhaus

Dresden - "Bauern, Bonzen und Bomben" war 1931 der erste große Romanerfolg des sozialkritischen Schriftstellers Hans Fallada. Die Weimarer Republik war schon am Taumeln, was das Buch so konkret wie exemplarisch vorführt.

Qualmender Bauernprotest auf Bühne und Videoleinwand, Holger Hübner als wütender Bauernführer.
Qualmender Bauernprotest auf Bühne und Videoleinwand, Holger Hübner als wütender Bauernführer.  © Sebastian Hoppe

Dass die Geschichte um einen Bauernaufstand in der norddeutschen Provinz auch ein exzellenter Theaterstoff ist, beweist Tom Kühnels Inszenierung am Staatsschauspiel. Premiere war am Samstag im Schauspielhaus.

Der Roman spiegelt ein Stück aus dem Tollhaus des alltäglichen Lebens und seiner politisch-sozialen Verwerfungen. Fallada verarbeitete darin Erfahrungen, die er in den Monaten zuvor als Lokalredakteur einer Zeitung in Neumünster gemacht hatte.

Es geht in Buch und Stück um die sogenannte Landvolkbewegung, die Ende der 20er-Jahre während der Agrarkrise aufschien, eine Interessenvertretung der Landwirte und Bauern mit zunehmend deutsch-nationaler Ausrichtung, die, um den wirtschaftlichen Niedergang ihrer Zunft zu verhindern, zu drastischen Protestformen griff, von Demonstration über Boykott bis Bombenanschlag. Eine Fahne mit dem Banner der Landvolkbewegung wird symbolisch zum Streitobjekt.

Dresden: Von Dresden nach Gambia: Abenteuer auf vier Rädern startet
Dresden Veranstaltungen & Freizeit Von Dresden nach Gambia: Abenteuer auf vier Rädern startet

Schauplatz ist die fiktive Kleinstadt Altholm, die wegen des Bauernprotests und seinen ordnungspolitischen Folgen durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch zerfressen wird. Mittendrin der sozialdemokratische Bürgermeister Gareis - hier eine Bürgermeisterin -, Polizisten, Beamte, ölige Zeitungsverleger und zwei Zeitungsjournalisten, Stuff und Tredup, in deren Redaktionsraum vieles zusammenläuft.

Gelungener Mix aus Realismus und Satire

Es ist ein Intrigenstadl, in dem es schwerfällt, den Überblick zu behalten darüber, wer jetzt gerade angesichts welcher Interessen mit wem und gegen wen kungelt. Gehandelt werde "immer aus irgendeinem mickrigen Interesse", heißt es am Schluss. Eine Gesellschaft kann daran kaputtgehen.

Das Buch sei die beste Schilderung der deutschen Kleinstadt, die ihm in den letzten Jahren bekannt geworden sei, schrieb damals Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel, zitiert im Programmheft): "Es ist eine Atmosphäre der ungewaschenen Füße. Es ist der Mief der Kleinstadt, jener Brodem aus Klatsch, Geldgier, Ehrgeiz und politischen Interessen."

Regisseur, Team und Ensemble setzen diese Beschreibung auf furiose Weise um. Gemeinsam erschaffen sie in einem gelungenen Mix aus Realismus und Satire ein Knäuel von Prachtexemplaren kauziger Charaktere, keiner von ihnen sympathisch.

Dankenswerterweise enthält sich die Inszenierung dabei völlig des erhobenen Zeigefingers, findet eine mahnende Gleichsetzung des Heute mit dem Damals trotz manch vergleichbarer Problemlage nicht statt, dominiert das Theatralische die Botschaft (die trotzdem ankommt).

Einen Verzückungs-Kniefall möchte man machen vor dem Ensemble: Raiko Küster als Zeitungsredakteur Stuff, Jakob Fließ als Anzeigenwerber Tredup, Betty Freudenberg als Bürgermeisterin Gareis, Holger Hübner als Bauernführer Reimers sowie Viktor Tremmel, Ahmad Mesgarha, Leonie Hämer, Jonas Holupirek (und auch Hübner) in wechselnden Rollen sind so spielfreudig, vielseitig und überzeugend, wie es besser kaum sein kann.

In der von Jo Schramm gestalteten Szenerie samt rotierender Rundbühne und Videoleinwand (für Live-Kamera) haben sie eine ideale Spielfläche, auf der - außer einem Journalistenschreibtisch am Rand und einem Baum als feste Einrichtungsgrößen - Fahrräder und Autos fahren ebenso wie Rollsessel und der mobile Schreibtisch der Bürgermeisterin.

Großartig, wirklich. Fand auch das Publikum. Donnernder Applaus aus dem Saal.

Titelfoto: Sebastian Hoppe

Mehr zum Thema Dresden Veranstaltungen & Freizeit: